Textilien ziehen sich wie ein roter Faden durch unsere Sprache.
Ob Faden, Stoff, Wolle, Hemd oder Hut – zahlreiche Redewendungen, die wir ganz selbstverständlich im Alltag verwenden, stammen aus der Welt der Textilien. Oft denken wir gar nicht mehr darüber nach, woher diese Ausdrücke ursprünglich kommen. Dabei zeigen sie eindrucksvoll, wie tief Kleidung, Stoffe und textiles Handwerk in unserer Sprache und Kultur verankert sind.
Vom Ärmel bis zum roten Faden
Wer tatkräftig anpackt, krempelt die Ärmel hoch. Wer dagegen noch eine überraschende Lösung bereithält, hat vielleicht ein As im Ärmel oder kann eine Idee scheinbar mühelos aus dem Ärmel schütteln. Auch der Faden begegnet uns immer wieder. Ein roter Faden sorgt für einen erkennbaren Zusammenhang, während wir beim Verlieren des Fadens plötzlich nicht mehr wissen, wie es weitergeht. Wer alle Fäden in der Hand hält, hat hingegen alles unter Kontrolle. Und hängt etwas am seidenen Faden, befindet es sich in einer unsicheren oder kritischen Lage. Selbst beim Wetter kommt das Textil ins Spiel: Wenn es besonders stark regnet, regnet es Bindfäden.
Garn, Handschuhe und das letzte Hemd
Auch Garn hat seinen festen Platz in unserer Sprache. Wer Seemannsgarn spinnt, erzählt ausgeschmückte oder kaum glaubhafte Geschichten. Wer jemandem ins Garn geht, fällt dagegen auf eine List herein. Manche Redewendungen beziehen sich direkt auf Kleidungsstücke. Wer eine Person besonders vorsichtig behandelt, fasst sie mit Samthandschuhen an. Wer aufgibt, wirft das Handtuch, und wer bereit ist, für einen anderen Menschen alles zu tun, würde sogar sein letztes Hemd hergeben.
Von Hosen und Hüten
Auch Hose und Hut haben es in unseren täglichen Sprachgebrauch geschafft. Wer die Hosen anhat, bestimmt, wo es langgeht. Ist etwas Jacke wie Hose, spielt der Unterschied keine Rolle. Und wer vor etwas grosse Angst hat, macht sich sprichwörtlich in die Hosen. Der Hut steht dagegen häufig für Lösungen, Anerkennung oder Organisation. Verschiedene Aufgaben müssen unter einen Hut gebracht werden, eine überraschende Idee wird aus dem Hut gezaubert und vor einer besonderen Leistung ziehen wir den Hut.
Nadel, Faden und Nähkästchen
Natürlich dürfen auch Begriffe aus dem eigentlichen textilen Handwerk nicht fehlen. Wer nervös auf etwas wartet, sitzt wie auf Nadeln. Wer kleine, gezielte Bemerkungen macht, kann seinem Gegenüber damit Nadelstiche versetzen. Und wer persönliche oder vertrauliche Geschichten erzählt, plaudert aus dem Nähkästchen. Auch die Maschen haben eine übertragene Bedeutung bekommen. Wer durch die Maschen schlüpft, entkommt einer Kontrolle oder Konsequenz.
Weste, Wolle und Tuch
Eine weisse Weste hat, wer sich nichts zuschulden kommen lassen hat. Wer jemanden wie seine eigene Westentasche kennt, kennt ihn besonders gut. Gerät man dagegen mit jemandem in Streit, kann man sich ordentlich in die Wolle kriegen. Auch das Tuch findet sich in verschiedenen Redewendungen wieder. Ist etwas ein rotes Tuch, sorgt es für starke Ablehnung oder Ärger. Ist eine Angelegenheit dagegen in trockenen Tüchern, wurde sie erfolgreich abgeschlossen. Wer auf Tuchfühlung geht, sucht die Nähe oder den direkten Kontakt zu jemandem.
Textilien stecken überall
Und damit ist die textile Sprache noch lange nicht ausgeschöpft. Wir suchen manchmal die Nadel im Heuhaufen, kaufen die Katze im Sack, rollen besonderen Gästen den roten Teppich aus oder versuchen unangenehme Dinge unter den Teppich zu kehren. Wenn es Zeit wird aufzubrechen, machen wir uns auf die Socken, und wer private Streitigkeiten öffentlich austrägt, wäscht schmutzige Wäsche. Viele dieser Redewendungen verwenden wir täglich, ohne ihre Verbindung zu Textilien überhaupt noch wahrzunehmen. Erst bei genauerem Hinsehen wird deutlich, wie viele Spuren Stoffe, Kleidung und textiles Handwerk in unserer Sprache hinterlassen haben. Wer hätte gedacht, dass so viel Textil in unserer Sprache steckt?
Bei Tonsai beschäftigen wir uns täglich mit Textilien – und manchmal eben nicht nur mit Stoff, Faden und Stickerei, sondern auch mit den Geschichten, Traditionen und sprachlichen Besonderheiten, die damit verbunden sind.